Pressemeldung der Zweitmeinung-Intensiv zum BGH-Urteil vom 02.04.2019

Pressemeldung der Zweitmeinung-Intensiv zum BGH-Urteil vom 02.04.2019

Witten/Karlsruhe: Heute hat der Bundesgerichtshof (BGH) in der Sache VI ZR 13/18 – Haftung wegen Lebenserhaltung durch künstliche Ernährung die Klage abgewiesen. Was sich zunächst unspektakulär anhört, beinhaltet enorme Sprengkraft für die Behandlung von Menschen am Lebensende. 

Die vorsitzende Richterin Vera von Pentz sagte, es könne dahinstehen, ob der Arzt Pflichten verletzt habe. "Das Urteil über den Wert eines Lebens steht keinem Dritten zu." Es fehle deshalb schon an einem immateriellen Schaden, der Schmerzensgeld-Ansprüche auslösen könnte. 

Am Lebensende stehen heutzutage viele apparative Möglichkeiten der Intensivmedizin zur Verfügung, ein Leben künstlich zu verlängern. Doch nicht technische Machbarkeit ist die Richtschnur ärztlichen Handelns, sondern ein wohldefiniertes Therapieziel, welches dem Patienten mehr nutzt als schadet. Im vor dem BGH verhandelten Fall gab es das nicht. 

Der 1929 geborene Vater des Klägers litt an einer fortgeschrittenen Demenz. Er war bewegungs- sowie kommunikationsunfähig, konnte Stuhl- und Harn nicht halten. Er litt unter Erstickungsanfällen, extrem ausgeprägten Gelenkfehlstellungen, einer Spastik, Augenentzündungen und wiederkehrenden Druckgeschwüren. Aufgrund von Zahnfäule mussten ihm fast alle Zähne gezogen werden. Der beklagte Arzt verordnete nicht nur die streitgegenständliche künstliche Ernährung über Jahre, er impfte den Hilflosen gegen Grippe, führte diverse Laboruntersuchungen durch, verordnete modernste Antibiotika, ließ den Patienten leidvoll absaugen und berechnete gar eine Krebsvorsorgeuntersuchung. Mithin wurde der leidvolle Zustand um Jahre verlängert. Unstrittig ist, dass eine künstliche Ernährung bei fortgeschrittener Demenz medizinisch nicht indiziert ist, dies stellte etwa die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie 2016 fest.

Dr. Matthias Thöns, Parteigutachter des Klägers äußert sich sehr enttäucht über das Urteil. Wir kommen wieder zu einer Medizinethik des Mittelalters. Es kann doch bei den heutigen technischen Möglichkeiten der Intensivmedizin, die Leidenszustände durch Herz, Lungen und Nierenersatz nahezu beliebig verlängern kann, nicht sein, dass eindeutig nicht indizierte Maßnahmen, die möglicherweise das Leben verlängern auch bei Sinnlosigkeit beliebig eingesetzt werden können. Mithin hätten skrupellose Ärzte, die etwa einzig aus Gewinnsucht Therapieverfahren fortsetzen, keine Sorge mehr vor einer Strafe. Leidende Patienten und ihre Familien werden im Stich gelassen. Gute Ärzte, die Therapieziele mit den Familien besprechen und einvernehmliche Lösungen finden, können nur den Kopf schütteln.

Im Grunde steht ein in den letzten Jahren zunehmendes Medizinproblem im Fokus: Übertherapie am Lebensende durch Ökonomisierung: Jeder vierte Deutsche stirbt auf der Intensivstation, der weithin lukrativsten Behandlungsart. Dies betrifft vor allem ältere Menschen in ihren letzten Lebenswochen. Der Altersschnitt der Intensivpatienten liegt mittlerweile im Rentenalter, jeder 4. leidet unter fortgeschrittenem Krebs. Längst ist klar, dass dies nur eine verschwindend kleine Minderheit der Menschen wirklich will, wenn Schwerbehinderung oder bleibender geistiger Schaden droht. Doch intensivmedizinische Leistungen weiten sich explosionsartig aus: So gab es in Deutschland 2003 nur 500 Menschen, die zu Hause beatmet wurden, heute sind es Schätzungen zu Folge 40.000-45000. Dieser Ausweitung ging die Regelung der Vergütung von 600 – 900 € pro Tag voraus. Eine aktuelle Befragung zeigt: Fast die Hälfte der weniger schwer Betroffenen würde lieber den Tod wählen.

Thöns „Patienten werden heute oft nicht mehr nach ihren Bedürfnissen behandelt, sondern der Leitgedanke gilt dem maximal lukrativen Eingriff losgelöst von Sinn und Nutzen für den Einzelnen.“ Dass dies straffrei bleibt, wenn bloss die reine Lebensverlängerung möglich ist, erscheint unfassbar.

Zweitmeinung-Intensiv GbR
Dr. med. Matthias Thöns, 
geschäftsführender Gesellschafter

Wiesenstr. 14, 58452 Witten

02302/86318

email@zweitmeinung-intensiv.de

Handy 0179/4965159

 

Martin Porwoll, Dipl.Volksw.

Kfm. Leiter Zweitmeinung-Intensiv GbR

0177/9716728

info@porwoll.de

 

Gerne vermitteln wir zum Klägeranwalt Wolfgang Putz oder zum Kläger.

 

Hintergrund Zweitmeinung-Intensiv GbR

Intensivpatienten und ihre Angehörigen haben derzeit einen enormen ungedeckten Beratungsbedarf. Hierdurch kommt es nicht selten zu Konflikten um die weitere Therapie. Ursachen sind in den meisten Fällen unzureichende Gespräche mit den behandelnden Ärzten. Eine Zweitmeinungsberatung durch einen unabhängigen Arzt führt einerseits zu Verständnis der Maßnahmen und damit zu einem Sicherheitsgefühl. Auf der anderen Seite gibt es erstmals eine Hilfe gegen unnütze oder ungewollte Medizin, die Patienten und ihre Angehörigen schädigt. Hier spricht man von Übertherapie, die heute leider einen Großteil intensivmedizinischer Leistungen betrifft. 

Angehörige von Intensivpatienten können sich an die Zweitmeinung-Intensiv GbR per Telefon oder Email wenden und werden beraten. Sind Unstimmigkeiten zwischen Therapiezielen und laufenden Behandlungen erkennbar, wird das Arzt- zu Arzt Gespräch gesucht. Lässt sich der Konflikt nicht lösen, wird der Verlauf anhand der kompletten Behandlungsakte begutachtet, das Betreuungsgericht eingebunden, eine rechtliche Mediation begonnen oder eben eine rechtliche Lösung erzwungen. Viele Krankenkassen übernehmen die Kosten.

Durch die Beratungen besteht guter Kontakt zu Familien, die gruselige Erfahrungen mit dem Medizinbetrieb machten und darüber gerne und umfangreich berichten würden.

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