Trauer

Trauer ist ... ein normaler, gesunder, psychohygienisch notwendiger Prozess der Verarbeitung von einschneidenden Verlusten und Veränderungen. [Sie] ist keine Krankheit, keine Katastrophe, keine Fehlfunktion und kein Zeichen von psychischer oder charakterlicher Schwäche...
(Lammer, 2004)

Einschneidende oder bedeutsame Verluste im Sinne des o.g. Zitats kennt jeder von uns. Es muss sich dabei nicht unbedingt um den Verlust eines nahestehenden Menschen handeln, einschneidend kann auch der Verlust von geistigen und körperlichen Fähigkeiten sein, der Verlust von Lebenskonzepten, Gewohnheiten, Erwartungen, Zielen, Hoffnungen, von Orten und Lebensmöglichkeiten und vielem anderem mehr...
Trauer ist in der hospizlichen und palliativen Versorgung allgegenwärtig: bei Patienten, bei Angehörigen und natürlich auch bei den professionellen Helfern.

Wie sieht dieser gesunde, psychohygienisch notwendige Prozess nun aus?
Trauerprozesse sind so unterschiedlich wie die Beziehungen, die wir zum Verlorenen hatten. Bisweilen werden sie als die Kehrseite der Liebe bezeichnet. Sie werden beeinflusst durch unsere Persönlichkeit, unsere psychische und physische Gesundheit, unsere Fähigkeit zu Gefühlswahrnehmung und -äußerung, unsere Reflexionsfähigkeit, durch unsere materiellen und sozialen Lebensbedingungen und besonders auch durch die Umstände, unter denen der Verlust erlitten wird: eine gute Sterbebegleitung, wie sie hospizliche und palliative Dienste anstreben, erleichtert auch den Trauerprozess.

Zur Form von Trauerprozessen gibt es sehr unterschiedliche Modelle, die jeweils ganz verschiedene Aspekte dieses vielschichtigen Phänomens in den Blick nehmen:

  • Phasenmodelle, die den psychischen Prozess zu beschreiben versuchen (Kübler-Ross, 1969; Kast, 1986);
  • Bindungsmodelle, die die Beziehung zwischen Trauerndem und Verlorenem thematisieren (Bowlby, 1983; Pisarski, 1982).
  • Aufgabenmodelle, die die Anforderungen beschreiben, die Trauernde bewältigen müssen (Worden, 2009; Lammer, 2004; Paul, 2011);
  • Neuere wissenschaftliche Untersuchungen betonen die Wichtigkeit eines ausgewogenen Pendelprozesses zwischen der Beschäftigung mit dem Verlorenem (Verlustorientierung) einerseits und der Auseinandersetzung mit der veränderten Umwelt (Wiederherstellungs-orientierung) andererseits (Stroebe & Shut, 2001).

Allgemein lässt sich feststellen:
Trauer kann nicht umgangen, sondern muss durchlebt werden. Als konstruktiver Prozess beinhaltet sie sowohl die Beschäftigung mit dem Verlorenen als auch die Auseinandersetzung mit der ungewissen, oft beängstigenden Zukunft. Das ist schmerzhaft und braucht Zeit und Achtsamkeit. Medikamente sind dabei wenig hilfreich, weil sie die Selbstwahrnehmung oft beeinträchtigen. Besser ist menschliche Begleitung, die den Verlust würdigt und das Leid der Trauernden aushält, statt oberflächliche Vertröstung anzubieten.

Entscheidend für eine gute Trauerbegleitung ist nicht 'professionelles' Wissen, das man sich in einer 'Ausbildung' aneignen könnte, sondern die Bereitschaft, sich auf eine menschliche Begegnung einzulassen (vgl. dazu auch Engelke, 2012).

Im folgenden einige Anregungen zur Entwicklung einer Trauerkultur in der hospizlichen und palliativen Versorgung*)


Für Patienten:

  • geschützten Raum schaffen für 'schwierige' Gespräche;
  • Zeit einräumen für wiederholte Nachfragen; (befriedigend wird erlebt, wenn die Redezeit des Arztes/der Beraterin geringer ist, als die des Patienten oder der Angehörigen!);
  • anerkennen, dass Sterbende sich gegen ihr Sterben auflehnen, d.h. emotionale Reaktionen zulassen, aushalten, respektieren:
  • gibt es Unerledigtes, das noch geklärt werden muss?
  • ...

Für Angehörige:

  • Ermutigung, dass Angehörige wichtig und willkommen sind;
  • Ermutigung zum Hinschauen, Verweilen, Berühren;
  • Erlaubnis zum Ausdruck von Gefühlen;
  • Ungestörten Raum für den Abschied zur Verfügung stellen;
  • Aufklärung über Todesumstände, falls gewünscht; Zeit lassen, um Fragen zu stellen;
  • Anerkennung des Verlusts statt 'Vertröstung'; keine Relativierungen!
  • Unterstützende Personen (‚Soziales Netz’) erfragen: Begleitung statt Beruhigungsmittel!
  • Abschiedsrituale einplanen (Kerze anzünden, Totenwache, Erinnerungsbuch);
  • Anteilnahme persönlich, schriftlich, telefonisch zum Ausdruck bringen (wie habe ich den Verstorbenen erlebt? Was habe ich geschätzt? o.ä.);
  • Einladen zu Besuch auf Station, zum Gedenkgottesdienst;
  • auf regionale Angebote für Trauernde verweisen (Trauersprechstunde, Trauergruppen, ‚verwaiste Eltern’, Trauercafé etc.);
  • Literatur bereitstellen;
  • ...

Für Mitarbeiter/Innen:

  • Zeit zum Abschiednehmen (besonders bei lange bekannten Patienten);
  • Abschieds-Rituale (s.o.; Gebet; rituelle Berührung; rituelles ‚Schließen der Akte’;)
  • KollegInnen informieren; unterstützende Teamgespräche; Mortalitätskonferenz;
  • Präsenz der Seelsorge auch für MitarbeiterInnen;
  • Ermutigung zur Achtsamkeit auf das eigene seelische Gleichgewicht;
  • Supervision, Balint-Gruppe;
  • ...

* Diese Anregungen verdanke ich der Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Mechthild Ritter, Seelsorgerin auf der Kinderonkologie-Station der Universitätsklinik Würzburg sowie den Hinweisen vieler TeilnehmerInnen von Palliativ Care-Kursen in der Hospizakademie Bamberg.


Da Trauer bei einschneidenden Verlusten oft mit ähnlichen Beschwerden verbunden ist, wie sie auch bei depressiven Erkrankungen auftreten (Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit usw.), taucht bei Begleitern oft die Frage auf, wie sich beides voneinander unterscheiden lässt.
Sigmund Freud gibt in seinem Aufsatz Trauer und Melancholie (1917) einen wichtigen Hinweis: „Bei der Trauer ist die Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst...“

Ein guter Überblick über die wichtige Abgrenzung von normaler Trauer zum Krankheitsbild der Depression findet sich bei Horwitz & Wakefield (2007) oder auf der website http://www.gute-trauer.de/inhalt/trauer/trauer_depression.

 

kein trost

als ich weinte
in deinen armen
hast du nicht versucht
meine tränen
zu stillen
du hast mich festgehalten
damit ich
weiter weinen konnte

als allein

so

hast du mir
geholfen

Hans-Curt Flemming, annäherung

 

Text:

Anna Schubert
Dipl. Psych., Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Bamberg;
arbeitet seit 1999 als ehrenamtliche Sterbe- und Trauerbegleiterin im Hospizverein Bamberg und leitet dort die AG Trauerbegleitung.

 

Literatur:

  • Bowlby, J. (1983): Verlust, Trauer und Depression. Frankfurt a.M.
  • Engelke, E. (2012): Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker. Freiburg: Lambertus.
  • Flemming, H. (1993): annäherung. Berlin: Simon und Leutner.
  • Freud, S. (1917): Trauer und Melancholie. Ges. Werke Bd. 10. Frankfurt a.M.
  • Horwitz, A. & Wakefield, J. (2007): The Loss of Sadness. Oxford: University Press.
  • Kast, V. (1986): Trauern. Stuttgart.
  • Kübler-Ross, R. (1969): On Death and Dying. New York.
  • Lammer, K. (2004): Trauer verstehen. Neukirchener Verlagshaus.
  • Paul, C. (2011): Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung. Neuaufl. Gütersloh.
  • Pisarski, W. (1982): Anders trauern, anders leben. München.
  • Stroebe, M. & Schut, H. (1999): The Dual Process Model of Coping with Bereavement. Death Studies, 23.
  • Worden, J. (2009): Grief Couseling and Grief Therapy. New York.

 

Weiterführende Links: